Ein Abend zum Thema Pubertät mit Tiefgang, Praxisnähe und Austausch

„Warum schwanken Jugendliche während ihrer Pubertät eigentlich zwischen Rückzug und Rebellion, Coolness und Verunsicherung? Was hat das mit ihren Körpern, ihren Gefühlen und auch mit gesellschaftlichen Rollenbildern zu tun?“, fragte Marie-Theres Kastner, Vorsitzende der Katholischen Elternschaft Deutschlands (KED) im Bistum Münster zu Beginn der digitalen Infoveranstaltung „Orientierung in stürmischen Zeiten – Pubertät verstehen“ zu den über 180 Teilnehmenden. 

Referent Michael Hummert, Diplom- und Sexualpädagoge, Systemischer Berater und Dozent am Institut für Sexualpädagogik (isp), Münster hat die Teilnehmenden während seines Vortrags auf eine lebendige und anschauliche Reise durch die Welt der Pubertät mitgenommen. Dabei ging es nicht nur um Hormone und Sexualität, sondern auch um Fragen von Geschlecht, Rollenbildern und Selbstbild – und darum, wie Eltern und Lehrende in dieser intensiven Entwicklungszeit Halt geben können. Einen besonderen Fokus legte Hummert auf das Thema Jugendsexualität und ging in seinem anschaulichen und teilweise sehr persönlichen Vortrag der Frage nach, was eigentlich ´normal` in dieser Lebensphase sei und wo „problematische Entwicklungen“ anfangen würden: Warum fehlt vielen Jugendlichen – insbesondere Jungen – das Unrechtsbewusstsein beim Verschicken von Nacktbildern, was bedeutet sexuelle Gewalt im digitalen Raum – und wie können Erwachsene im Bedarfsfall sicher reagieren?“

Rein nüchtern betrachtet sei die Pubertät eine Umbauphase des Gehirns, sagte Hummert zu Beginn, weil das kindliche Gehirn irgendwann entwicklungstechnisch an seine Grenzen komme. „Und da reicht es nicht mehr aus, ein bisschen hier und ein bisschen da an- und umzubauen“, berichtete der Sexualpädagoge. „Es muss grundsätzlich und komplett neu aufgebaut werden. Und das nennen wir Pubertät.“ Eigentlich ein gutes Zeichen dafür, dass die Entwicklung des Kindes voranschreite und sein Gehirn für das Erwachsenensein rüste. „Das ist kompliziert und der Prozess für alle Beteiligten anstrengend.“ Baustelle halt. „Ich weiß nicht, wann Sie zuletzt auf einer Baustelle gelebt haben oder mitten in einem Umzug“, wandte sich Hummert direkt an die Teilnehmenden. „Dann sind Dinge in Kartons, die man eigentlich gerade gut gebrauchen könnte, irgendwie nicht greifbar.“ Gleichzeitig werde das Gehirn umstrukturiert: alles sei irgendwie anstrengend und nervig. Und das bekommt auch das Umfeld zu spüren.  

Eine Frage würde viele Erwachsene in dieser Zeit besonders umtreiben: Wie geht mein pubertierendes Kind mit sexualitätshaltigen Medien wie Pornografie um? Machen die womöglich alles, was sie da sehen, einfach so eins zu eins nach? „Wir wissen heute, dass, wenn Kinder in den ersten Lebensjahren eine stabile, freundliche Beziehung der Beziehungspersonen zueinander erlebt haben, also wenn Eltern oder Sorgeberechtigte freundlich und liebevoll miteinander umgegangen sind, dann machen die Kinder, die Dinge, die sie zum Beispiel in Social Media sehen, nicht einfach so nach. Denn sie haben ja erlebt, wie man miteinander umgeht. Das erhöht natürlich die Verantwortung für die ersten Lebensjahre“, nahm Hummert die Teilnehmenden in die Pflicht.

„Wenn Sie da gute Arbeit geleistet haben und Kinder an Ihrem Beispiel sehen, wie Beziehungen funktionieren, wie Sie mit Ihrem Körper umgehen, Ihre Geschlechterrolle ausfüllen und mit ihren Bedürfnissen umgehen, dann haben Sie ein solides Fundament gelegt, auf dem alles Weitere aufbaut – um beim Beispiel des Hauses zu bleiben.“ Diese Grundlage könne von den Jugendlichen genutzt werden, um darauf ihre Identität und ihre Sexualität zu entwickeln. „Das finde ich beruhigend.“