Smartphones an Persönlich- keitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen beteiligt

Dirk Dammann, Chefarzt der Fachklink für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Holzminden. Foto: privat

„Auf den Punkt gebracht wird ein Kleinkind, dass es von seinen kognitiven Fähigkeiten her locker aufs Gymnasium schaffen würde, noch so gerade eben den Hauptschulabschluss schaffen, wenn es die ersten anderthalb Lebensjahre vor dem Smartphone geparkt wird“, sagte Dirk Dammann, Chefarzt der Fachklink für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Holzminden zu den knapp 110 Teilnehmenden an der digitalen Infoveranstaltung „Zwischen Innovation und Orientierungslosigkeit: Wie digitale Technologien Kindheit verändern“ der Katholischen Elternschaft Deutschlands (KED) im Bistum Münster. „Das ist wissenschaftlich gut belegt. Kleinkinder unter drei Jahren sind auf unsere Beziehung, auf gemeinsame Interaktionen angewiesen, um sich gesund entwickeln zu können“, schrieb er den Anwesenden, die seinen Ausführungen mit erschütterten Blicken verfolgten, ins Stammbuch.

Man spricht vom ´Post Digital Nannying Autismus Syndrom` wenn Kinder in den ersten Lebensjahren ein Smartphone in die Hand gedrückt bekommen, „einfach, um sie zu beruhigen“. Selbst wenige Monate alte Kinder würden schon mit YouTube-Videos ruhiggestellt. Das funktioniere auch berichtete Dammann, aber je mehr die Kinder in das Smartphone schauen würden, desto auffälliger würden diese. Eine Untersuchung an amerikanischen Müttern habe im Jahr 2023 ergeben, dass die Mütter, die ihre Aktionszeit mit ihren Kindern immer wieder unterbrechen würden, um auf ihr Smartphone zu schauen, der „Bindungsentwicklung der Kinder aktiv Schaden. Das führt dazu, dass wir verhaltensauffällige Kinder kriegen, die schlechter sozialisiert sind und Verhaltensauffälligkeiten an den Tag legen wie teilweise autistische Symptome“. Die Gesellschaft müsse die Eltern darüber informieren. Vielen seien die Konsequenzen ihres Handelns nicht bewusst. 

Auch das Einstiegsalter sei gesunken. Mittlerweile besäßen bereits viele Erstklässler ein Smartphone und würde im Durchschnitt drei Stunden pro Tag davor verbringen. Dabei sei nicht die Dauer das Problem, sondern die „Häufigkeit der Unterbrechungen. Wenn wir pro Tag bis zu 80 mal auf das Ding schauen – und sei es auch nur kurz – dann unterbrechen wir unsere andere Tätigkeit und kommen dort auch nicht so schnell wieder rein“, erklärte der Psychologe. „Die Konzentration baut sich nicht innerhalb von 20 Sekunden wieder auf. Man muss sich da wieder reinarbeiten.“ Bei Kindern sei es genauso. Wenn diese die Bearbeitung ihrer Hausaufgaben unterbrechen würden, um mal „schnell zu schauen, ob sich bei TikTok was getan hat“, dann brauchen die mindestens zwei Minuten, um das „alte Konzentrationsniveau wieder zu erreichen. Wenn das aber ständig passiert, „sind die maximal unproduktiv und langsam. Das heißt, unser eigentliches Problem, ist nicht die Dauer der Nutzung, sondern die Häufigkeit der Unterbrechungen“.

Darüber hinaus hat sich auch die Funktion der Smartphones im Laufe der Jahre verändert. Diente es zu Beginn noch als ein Telefon mit der Möglichkeit, nebenbei an Informationen zu gelangen: „Mal eben schnell gegoogelt“, hat es sich zu einem „integralen Bestandteil der Sozialisation“ gemausert. „Mit der Nutzung des Internets als Multimedia Instrument ist das Smartphone zu einem Werkzeug geworden, das es mir ermöglicht, meine eigene Identität zu entwickeln. Wie ich mich zeige, wie ich meine Persönlichkeit entwickele, das funktioniert heute über das Internet mit der Nutzung des Smartphones“, erklärte Dammann. „Dessen müssen wir uns bewusst sein.“

Das vieldiskutierte Handy-Verbot sei daher keine Lösung des Problems. Ein freier, ungezügelter Konsum aber auch nicht. „Wir werden lernen müssen, mit den ab dem Jahr 2011 geborenen Jugendlichen, immer wieder neu auszuhandeln, wie sie verantwortungsbewusst mit diesem Medium umgehen können und sie dabei zu begleiten. Eben weil es sehr viel schneller, viel omnipräsenter ist als alles, was wir bisher hatten, unabhängig davon, dass wir Datenspuren hinterlassen.“

Gleichzeitig müsse man den Kindern und Jugendlichen verdeutlichen, dass sie nicht mehr eine breite Informationsvielfalt angezeigt bekommen, sondern ein Algorithmus darüber entscheidet, welche Inhalte sie auf Social Media zu sehen bekommen und welche nicht. Das Klickverhalten gibt vor, was angezeigt wird. „Wenn ich mich für regenerative Energien interessiere, dann spielt mir der Algorithmus weitere Beiträge dazu bei TikTok oder Instagram auf mein Smartphone“, erklärte Dammann beispielhaft. Die Kinder und Jugendlichen hätten aber noch kein Gefühl dazu, dass die Informationen, die sie angezeigt bekommen, vorgefiltert seien. Das sei ein großes Problem. Vor allem, weil andere Medien, wie Zeitungen oder Fernseh-Nachrichten nicht mehr genutzt würden. Die Sozialen Medien, die dagegen als Quelle herangezogen werden, sind nicht neutral, sondern im Gegenteil manipulativ „verhaltenslenkend“.

Die große Herausforderung sei es nun, wie „wir eine kindgerechte Entwicklung mit den modernen neuen Medien verbinden können“. Dammann machte sich für eine Erziehungspartnerschaft von Schule und Elternhaus stark. „Wir müssen die Kinder, bis sie in die Pubertät kommen, mit einer digitalen Grund-Kompetenz ausstatten. Die Kinder brauchen eine kompetente Umgebung mit Erwachsenen, die sie auf ihrem digitalen Weg begleiten.“ Und es sei nicht die Frage, ob die Kinder mit KI aufwachsen oder nicht, sondern, wie „wir sie selbstbestimmt, kritisch und gesund darauf vorbereiten.“                           Text: Jürgen Flatken

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