Es gilt, die Kinder stark zu machen

Gerade in „Coronazeiten“ - eine besondere Herausforderung - ein Vortrag von Dr. Marius Janßen, Uniklinik Münster

Die einen haben sie schon, die anderen steuern stark darauf zu – auf die wohlverdienten Sommerferien. Und in einem sind sich Forscher und Politiker einig: nach dem Corona-Schuljahr soll es pandemiebedingte Schulschließungen im Herbst nicht mehr geben. Angesichts der psycho-sozialen Folgen der ersten beiden Lockdowns auf Kinder und Jugendliche stellt sich die Frage, wie deren Resilienzkraft gestärkt werden kann.

Laut Duden versteht man unter „Resilienz“ die Fähigkeit des Menschen, Belastungen und schwierige Lebenssituationen „ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen“. Resilienz bezeichnet also die erfolgreiche Bewältigung einer kritischen Situation. Das heißt, eine Krise wurde nicht nur abgewendet, sondern das Kind, der Jugendliche ist sogar an der Herausforderung gewachsen, hat etwas dazu gelernt und wird nun auch zukünftige Schwierigkeiten besser meistern.

„Wir wissen aus der Gesundheitsforschung, dass es Kinder gibt, die über eine höhere psychische Widerstandsfähigkeit verfügen und sich im Allgemeinen an Ausnahmesituationen wie die coronabedingten Lockdowns besser anpassen können“, sagt Marius Janßen, leitender Psychologe der Familientagesklinik für Vorschulkinder am Universitätsklinikum Münster. „Man kann also nicht per se sagen, dass alle jetzt psychisch auffälliger sind.“ Auch wenn er merke, dass vermehrt Kinder in die Klinik kommen würden, die unter den sozialen Einschränkungen sehr leiden.

Das Konzept der Resilienz geht von der Grundannahme aus, dass Menschen über Schutzfaktoren verfügen, die sie in jeweils unterschiedlichem Ausmaß vor den negativen Auswirkungen gesundheitsschädlicher Einflüsse bewahren und dazu beitragen, dass Stressereignisse oder Problemsituationen weniger als belastend, sondern eher als herausfordernd wahrgenommen werden. Dadurch werden mehr aktiv problemorientierte und weniger passiv-vermeidende Bewältigungsstrategien angeregt. In Stresssituationen gelte es „aufmerksam zu sein und Veränderungen wahrzunehmen. Und es ist wichtig, einen Raum zu öffnen, in dem die Kinder von sich aus das, was sie erleben und beobachten, ansprechen können. Das ist ein ´psychisches Aufräumen`, eine Gelegenheit, die eigene Situation besser zu verstehen und auch emotional besser verarbeiten zu können“, so Janßen weiter.

Die Resilienzforschung hat sechs Schutzfaktoren ausgemacht, die entwicklungsfördernd wirken und bei guter Ausprägung als Puffer dienen können, wenn es zu negativen Entwicklungseinflüssen kommt (Zentrum für Kinder- und Jugendforschung, Freiburg): die Stärkung und Förderung der Selbst-wahrnehmung (das Kind hat ein gutes Bild von sich selbst und kennt seine Stärken und Schwächen), -steuerung (das Kind kommt aus emotionalen Krisen wieder heraus und kann seine Gefühle regulieren), -wirksamkeit (das Kind probiert, aus schwierigen Situationen selbstständig hinauszukommen und handelt lösungsorientiert),  soziale Kompetenz (das Kind kann sich auf sein soziales Netz verlassen), Problemlösefähigkeit (das Kind kann Aufgaben und Probleme bewältigen und läuft nicht vor ihnen fort) und angemessener Umgang mit Stress (das Kind kann mit Stress umgehen und sich danach auch wieder entspannen).

Der Sport spielt laut Janßen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Als der Vereinssport im Zuge der Corona-Maßnahmen mit als erstes eingestellt wurde, „haben wir eine Zunahme an psychischen Störungen, wie Depressionen, festgestellt“. Dass sei nicht verwunderlich, da „man weiß, dass die Aktivität eine Grundvoraussetzung dafür ist, nicht depressiv zu werden – gerade bei Kindern und Jugendlichen.“

Ein weiterer wichtiger Punkt seien die sozialen Bindungen. „Wir sind soziale Wesen. Es gibt kaum etwas Wichtigeres für uns als unsere sozialen Beziehungen, unsere Gemeinschaft. Das ist der Kit, der alles für uns zusammenhält. Uns in der Gemeinschaft mit anderen Menschen zu erfahren ist etwas ganz tiefgreifend Definierendes für uns, formt unsere Identität.“

Es gebe das starke Bedürfnis, miteinander in Kontakt zu kommen und Janßen sieht die Schule in der Pflicht, regelmäßig Räume zu öffnen oder Formate dafür schaffen, in denen sich die Schülerinnen und Schüler fern des Lernstoffs austauschen, ihre Erlebnisse und Gefühle miteinander teilen können. „Das ´Miteinander-teilen` können, ist etwas, das Kraft geben kann. Kinder und Jugendliche haben ihre eigene Art, sich wahrzunehmen. Das ist ein wichtiger Teil der psychischen Verarbeitung.“

In Bezug auf die Schule betonte Janßen dessen soziale Funktion. „Die Schule ist mehr als ein Lernort. Sie ist ein sozialer Ort. Dort haben sie ihre Peergroup mit ihrer ganz eigenen Sprache, ihren eigenen Ritualen. Einen Rahmen, in dem sie sich unter Gleichaltrigen austauschen können.“ Gerade das sei in der Entwicklung in dem Alter so entscheidend.

Übungen und Praxisanleitungen zur Stärkung der Resilienz für den Unterricht hat das Bildungsministerium Rheinland-Pfalz in dem Leitfaden-Buch „Resilienz – Was Kinder stark macht“ herausgegeben.

 

Foto: Pixabay Alexandra_Koch